Stellungnahmen zur Situation in Israel/Palästina:
ZERREISSPROBEN
KEIN GUTER ZAUN!
VON PHILISTERN FRÜHER UND HEUTE TERRORISTEN AN DER MACHT - WAS WIRD AUS PALÄSTINA? BRIEFE AUS ISRAEL AM GRAB ABRAHAMS
zu Entwicklungen und Veranstaltungen in München:
NYMPHENBURGER GESPRÄCHE: JUDEN UND MUSLIME IN MÜNCHEN GROSSMUFTI MUSTAFA CERIC IN MÜNCHEN JAKOBS ZELT AM JAKOBSPLATZ SCHUWI NAFSCHÍ: KEHR ZURÜCK MEINE SEELE, Zur Aufführung Münchner Synagogenmusik am 7.11.2005 in St. Lukas
EIN VOTUM FÜR DIE SENDLINGER MOSCHEE GOTT WILL ES NICHT! Zur Mahnwache der Freunde Abrahams für Susanne Osthoff
zur Situation in Israel/Palästina:
ZERREISSPROBEN
31. Juli 2002 - Vorgestern war mein persönlicher „Jerusalem-Tag“. Noch immer streiche ich in meinem Kalender das Datum an, an de ich vor inzwischen 18 Jahren nach Jerusalem ging, um dort an der Hebräischen Universität Archäologie zu studieren. Meine spätere Promotion dort hat mir den umständlichen, vom Bayerischen Kultusministerium aber so vorgeschriebenen Doktortitel „Ph.D. (Hebr. Univ. Jerusalem)“ eingetragen (der einem einheimischen „Dr. phil.“ entspricht). Die Jahre, die dazwischen lagen - eine unschätzbar wertvolle und intensiv erlebte Zeit, „sieben fette Jahre“ - haben auch meinen weiteren Lebensweg einschneidend geprägt. Inzwischen bin ich mit einer Palästinenserin aus Balata bei Nablus verheiratet. Nablus ist in letzter Zeit oft in den Schlagzeilen.
Heute ist meine alte Uni in den Schlagzeilen. Terroristen der „Hamas“ haben in der beliebtesten Mensa auf dem Campus eine Bombe gezündet. Natürlich kenne ich die Mensa: ich weiß noch, wie das Essen schmeckt, ich weiß, wie es sich auf den Stühlen sitzt und wie sich das Besteck, mit Plastikgriffen, in der Hand anfühlt. Aber ich weiß nicht, wie es ist, wenn es plötzlich kracht, Splitter, Trümmer und Körperteile durcheinander fliegen. Und ich verstehe auch nicht, was in einem Menschen vorgeht, der das verschuldet. Gott sei Dank, dass ich das eine nicht weiß und das andere nicht verstehe.
Es heißt in den Meldungen, dass die Israelis die Hintermänner der Tat in Nablus vermuten (woher immer man das so schnell zu wissen glaubt...). Das kann bedeuten, dass die Verwandtschaft wieder, wie schon mehrmals in den letzten Monaten, das Haus nicht verlassen kann. Niemand wird wissen, für wie lange diesmal. Ob die Vorräte reichen werden. Ob das Wasser wieder gesperrt wird, von Strom und Telefon ganz zu schweigen. Panzer werden durch die viel zu engen Gassen rollen, vielleicht auch wieder, wie in Jenin, gleich quer durch die Häuser. Dass es Tote geben wird, ist sicher - ob die Schuldigen dabei sein werden, nicht.
Nein, ich sitze nicht zwischen zwei Stühlen. Schlimmer: ich sitze ein Stück weit mit auf beiden. Gute Freunde und ein wichtiges Stück meines Lebens gehören zu Jerusalem, und Israel, dessen Existenz das Leid der Palästinenser begründet hat. Die eigene Frau und ihre Familie, und ebenso gute Freunde, gehören zu Palästina, wo man jedes Mal, wenn Israelis getötet werden, auf den Straße feiert. Und an Tagen wie diesem empfinde ich, als ob mir die Seele zu reißen drohte. Dann beneide ich fast - nur fast! - die, die es genau zu wissen glauben: wer die Guten und wer die Schlechten sind. Die jeden Splitter im Auge des anderen zu Balken erklären, und die eigenen Balken zu Splittern. Deren Weltanschauung fest vermauerte Bastionen sind, die von Vernunft und menschlichem Empfinden nicht zu erschüttern sind.
(aus: Abrahams Post, Infoblatt der Freunde Abrahams e.V., Herbst/Winter 2002/03, S. 9-10)
KEIN GUTER ZAUN
Zypern ist, trotz aller Bemühungen der letzten Zeit, noch immer ein geteilte Land. Korea ist es auch, mit einer Grenze, die die ehemalige deutsch-deutsche an Menschenfeindlichkeit sogar noch übertrifft. Das eigentlich Heilige Land ist es neuer-dings auch. Die israelische Regierung spricht von einem Zaun, die Palästinenser von der Mauer. Tatsache ist, dass die Sperranlagen, die derzeit im besetzten West-jordanland errichtet werden, zum größten Teil aus einem ca. 3 m hohen, mit elektrischen Sensoren versehenen Zaun und Grabenanlagen zu beiden Seiten bestehen, während bestimmte Abschnitte tatsächlich als Betonmauer – von bis zu 8(!) m Höhe – realisiert werden. In manchen Bereichen folgt der Verlauf in etwa der Demarkationslinie zur Westbank von vor dem Sechstagekrieg, in anderen greift sie weit in Palästinensisches Autonomiegebiet ein, so etwa auch zwischen Jerusalem und Bethlehem, wo ungefähr an der Stelle, wo der Tradition nach die Weisen aus dem Morgenland den Stern erblickt haben sollen, der Mauer-Zaun nun den Weg abschneidet.
Soweit ist es gekommen. Ich weiß noch gut, wie damals, zu Beginn der ersten Intifada, während meiner Studienzeit an der Hebräischen Universität, ein Sturm der Entrüstung in der israelischen Öffentlichkeit losbrach, als erste Überlegungen laut wurden, Checkpoints an den Hauptstraßen um Jerusalem einzurichten, um z.B. an hohen jüdischen Feiertagen Sicherheitskontrollen vornehmen zu können: Dies könnte Erinnerungen an die Grenze, die 1948 –1967 Israel und die damals jordanische Westbank voneinander trennte, wach rufen. Tatsächlich ignorierten damalige israelische Landkarten die völkerrechtlich nach wie vor relevante Demarkationslinie völlig. Zwischen Mittelmeer und Jordan gab es da keine Grenzen. Und nun wird das Land von einer Furche zernarbt, die – selbst wenn die politischen Realitäten einmal längst überwunden sein werden – noch in Jahrtausenden archäologisch nachweisbar sein wird. Wuchtiger ließe sich das Scheitern israelischer Politik nach 36 Jahren Besatzung nicht symbolisieren. Das Scheitern israelischer Besatzungspolitik, aber auch das Ergebnis des palästinensischen Terrors, den seine Urheber 'Widerstand' nennen. Die 'ewig Gestrigen' in Gaza (damit meine ich die Führer der sogenannten 'Hamas' und ihre Gesinnungsgenossen), die sich aus dem Wahn nicht befreien wollen, Israel würde irgendwann wieder verschwinden, wie ein Spuk oder ein böser Traum, oder wie seinerzeit die Kreuzfahrer, wenn man nur ausdauernd und brutal genug mit Gewalt dagegen ankämpfte, werden auch zu der offenkundigen Einsicht nicht fähig sein, dass es auch mit auf ihr Konto geht, wenn das Leid der palästinensischen Bevölkerung immer noch unsäglichere Ausmaße annimmt; wenn sie auch jetzt noch wie in Reservaten eingezäunt wird, oder – man kann die Assoziation nicht verdrängen, wiewohl die Umstände und Hintergründe grundverschieden sind – wie in Ghettos eingemauert.
Freilich stimmt es: Wenn durch die Sicherungsanlagen auch nur ein einziger Terroranschlag verhindert und so Menschenleben gerettet werden könnten – wer dürfte sie dann kritisieren? Doch die Erfahrung, und die Tausenden Tote und Verwundete der vergangenen Jahre, haben längst bewiesen, dass die zunehmende Entrechtung und immer weitere Verschärfung der Lebensbedingungen derer, die ohnehin nichts mehr zu verlieren haben, zu einer weiteren Zunahme der Gewalt führt, und in die falsche Richtung auf der 'Roadmap' zum Frieden. Das weiß natürlich auch Scharon, der Ende Juli in Washington über die Sperranlagen sage: 'Es ist ein guter Zaun'. Ihm wird man (nicht zum ersten Mal) unterstellen müssen, dass er lügt.
Be-Elohai adaleg schur, 'mit meinem Gott überspringe ich Mauern', wusste ein früherer Herrscher über Israel. Und weiter: 'Gegen den Reinen zeigst DU Dich rein, doch falsch gegen den Falschen. Dem bedrückten Volk bringst DU Heil' (Danklied König Davids, Psalm 18, 27f.30).
(aus: Abrahams Post, Infoblatt der Freunde Abrahams e.V., Herbst/Winter 2003/04, S. 10-11)
VON PHILISTERN FRÜHER UND HEUTE ein Bericht aus Israel/Palästina
Diese Zeilen schreibe ich in einem kleinen Dorf in Palästina, im August 2005. Das Dorf heißt Balata und liegt am Rand der Stadt Nablus, einer der größten Städte der sogenannten Westbank, zwischen Jerusalem und Galiläa, in einer Gegend, die in der Bibel, und nach offizieller israelischer Diktion auch heute wieder, 'Samaria' genannt wird. Ich bin hier in Balata, weil meine Frau aus diesem Dorf stammt, und wir, zusammen mit unseren zwei kleinen Kindern, die große Familie meiner Frau besuchen.
Vor zweitausend Jahren ist hier am Dorfbrunnen schon einmal ein Fremder einer einheimischen Frau begegnet. Die Frau war eine Samariterin und den Fremden nennt Johannes, der von der Begegnung berichtet, einen 'Propheten' und 'Messias' (Joh 4). Der Ort des Geschehens, der Brunnen, den einst der Patriarch Jakob gegraben haben soll, wird noch heute am Rand des Dorfes gezeigt, in einer Grotte unter einer (griechisch-orthodoxen) Kirche. Die Kirche wurde erst in den 1990er Jahren neu gebaut und erhielt eine Kuppel und zwei weithin sichtbare Kirchtürme, und das in unmittelbarer Nachbarschaft von mehreren Minaretten. (Warum nur muss ich dabei an Sendling denken?) Es ergibt ein wunderschönes Bild, finde ich.
Ganz in der Nähe befindet sich eine weitere heilige Stätte: das Grab des Josef, Sohn jenes Jakob, den laut Koran und Genesis seine Brüder nach Ägypten verkauft haben und den die Israeliten bei ihrer Rückkehr ins Land Kanaan auf dem Grund seines Vaters wiederbestattet haben. Freilich weiß niemand, ob das Grab authentisch ist; immerhin lässt sich seine Präsenz mindestens bis in byzantinische Zeit zurückverfolgen. Ganz unabhängig davon aber war es ein wunderschöner Ort mit einer zauberhaften Ausstrahlung: ein kleines Kuppelgebäude mit einem großen, alten Maulbeerbaum davor. Jahrhunderte lang haben die arabischen Dorfbewohner von Balata das Grab als das ihres koranischen Propheten verehrt und Reisende berichten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, dass gleichzeitig (!) auch Christen, Juden und Samaritaner hergepilgert sind und dort gebetet haben, jeder auf seine Weise. Dieser Zustand änderte sich, als eine Gruppierung von in diesem Fall extrem fanatischen, jüdischen Siedlern, die sich in der Umgebung von Nablus niederließen, das Grab exklusiv für sich beanspruchten und im Lauf der Zeit und unter Rückendeckung der israelischen Armee um das Grab herum eine Jeschiwa einrichteten, den Komplex mit einer Mauer und Stacheldraht umgaben. Muslimische Besucher waren nicht mehr willkommen und sie wagten sich auch kaum mehr in die Nähe des Ortes (der doch weiterhin in ihrem Dorf lag), aus Angst vor Schießereien, die dort tatsächlich immer öfter ausbrachen. Die Siedler wurden mit Steinen beworfen, die Soldaten schossen zurück. Der früher friedliche Ort wurde ein Herd der Gewalt, auf den sich zunehmend der Hass der Dorfbewohner richtete. Als während der 2. Intifada, in den letzten Jahren, die Armee von hier abgezogen wurde, stürmten sie das Grab und zerstörten es. Heute ist die Kuppel über dem Grab Josefs demoliert, das Gebäude eine verrußte, ausgebrannte Ruine. Vom Maulbeerbaum existiert nur noch ein einziges, getrocknetes Blatt, das ich mir bei einem meiner ersten Besuche hier vor fast 20 Jahren in mein Tagebuch geklebt habe. Ein tragisches und trauriges Bild, und ein Stück weit wohl auch ein sichtbares Symbol für das, was aus diesem Heiligen Land geworden ist. Mich schmerzt der Anblick ganz besonders, denn dass wir unseren ersten Sohn Josef genannt haben, hat auch mit diesem Ort zu tun. Es bleibt die Hoffnung, dass unser Josef eines Tages erleben darf, wie das Josefsgrab im Heimatdorf seiner Mutter wieder restauriert und von Muslimen, Juden, Samaritanern und Christen gemeinsam verehrt werden wird.
Zu Balata gehört schließlich noch der Tell, der antike Siedlungshügel. Er liegt gleich hinter dem Haus, in dem ich schreibe, und hat Überreste der kanaanäischen Stadt Sichem zu bieten, die eigentlich mit zum Beeindruckendsten zählen, was das Land an archäologischen Sehenswürdigkeiten zu bieten hat (und das ist eine ganze Menge!). Trotzdem kommen seit Langem so gut wie keine Touristen mehr hierher, was bis vor ein, zwei Jahren auch durchaus verständlich war, inzwischen aber wieder möglich und für die Menschen hier enorm wichtig wäre.
Doch es war nicht der Tell Balata, nicht das biblische Sichem, das in diesem Sommer ausgegraben wurde. Es war das biblische Gat, der heutige Tell es-Safi, an dessen Grabungen ich mich beteiligte, und weshalb ich, vom Besuch der Schwiegerfamilie abgesehen, nun für insgesamt acht Wochen im Lande bin. Dieser Tell liegt in Israel – im Staatsgebiet von 1948, also nicht auf besetztem Gebiet – eine Dreiviertelstunde Fahrt südöstlich von Jerusalem, in Richtung Aschkelon und Mittelmeer. Die Gegend ist Gott-sei-Dank von Gewalt und Terror weitgehend verschont geblieben, schon seit dem Unabhängigkeitskrieg. Einige Araber leben dort heute noch, als Staatsbürger Israels, in Frieden und sogar Freundschaft, wie ich selber erleben konnte, mit ihrer jüdischen Umgebung. Unsere Grabungsmannschaft war in einem der Kibbutzim in der Nähe des Tells untergebracht, in Kfar Menachem.
Und so pendelte ich in diesen Wochen viel zwischen Israel und Palästina, zwischen Kibbutz und Westbank, hin und her – Grenzerfahrungen im wahrsten Sinne des Wortes, über die weit mehr zu erzählen wäre, als hier Raum ist. Unterwegs ist eine Reihe von Checkpoints zu passieren, was für mich als Ausländer höchstens lästig, aber nicht problematisch ist. Für Palästinenser kann die Erfahrung sehr unterschiedlich ausfallen: manchmal sind die Soldaten freundlich (auch das gibt es und es ist gar nicht so selten!), manchmal wird die Prozedur zur Demütigung, manchmal lebensgefährlich; und nicht selten ist überhaupt kein Durchkommen. Während man in Jerusalem den Eindruck haben kann, man wechsle von einem Land in ein anderes, wenn man von der modernen Fußgängerzone in der Neustadt in die arabischen Teile im Osten geht, so kommt mir Nablus, Zone A unter palästinensischer Autonomieverwaltung, geradezu wie ein anderer Planet vor. Alles, die Äußerlichkeiten, die Lebensbedingungen, aber auch das Denken und Handeln der Menschen, erscheinen mir unendlich weit entfernt. Demgegenüber ist Israel solide in 'unserer' westlichen Welt verankert. Hier gibt es durchaus viele Menschen, die erklären, dass sie bereit sind, den Palästinensern im Land 'ihren Platz' zuzugestehen; dabei haben sie meist von der Welt, in der Palästinenser leben, nicht die geringste Ahnung. Und umgekehrt. Die Mauer und der Zaun, die jetzt gerade durch das Land gezogen werden, werden das Zusammenprallen der Welten hier, auf so engem Raum, vielleicht mildern; sie werden aber ganz sicher die gegenseitige Fremdheit noch weiter verstärken.
Die Grabung auf dem Tell es-Safi also wurde durchgeführt von der Bar-Ilan-Universität von Ramat Gan, einer Stadt, die zum Großraum Tel Aviv gehört. Grabungsleiter war Prof. Aren Maeir, mit dem zusammen ich in den 1980er Jahren in Jerusalem eine Zeitlang studiert habe. Er hat nun zusammen mit Prof. Görg und mir ein gemeinsames israelisch-deutsches Projekt initiiert, das für zunächst drei Jahre von der 'Deutsch-israelischen Stiftung für wissenschaftliche Zusammenarbeit und Forschung' finanziert wird. Es widmet sich der Erforschung der Philisterkultur, genauer: der Assimilierungsprozesse, die die Philister durchgemacht haben, nachdem sie im 12. Jh. v. Chr. als Fremde ins Land kamen. Woher, wissen wir noch immer nicht mit Gewissheit – wahrscheinlich aus dem griechischen Raum. Hier übernahmen sie dann Vieles von der Kultur der einheimischen Kanaanäer, bis hin zu deren Sprache und Schrift und mancher ihrer Götter. Sie siedelten vor allem in der Küstenregion, etwa zwischen Gaza und Jaffa, während sich auf den Bergen ungefähr zur selben Zeit die Israeliten formierten. Die Stadt Gat, 'unser' Tell, war eine der wichtigsten Städte der Philister und lag landeinwärts, wo die Küstenebene ins Hügelland übergeht, und wo es immer wieder zu Konflikten zwischen beiden Völkern kam. Den legendären Kampf zwischen David und Goliat, dem berühmtesten Sohn der Stadt Gat, lokalisiert die Bibel hier ganz in der Nähe.
Von der Stadt wurde inzwischen schon eine ganze Menge ausgegraben, Wohnhäuser in erster Linie, dazu Keramik und manche Kleinfunde wie Schmuckstücke, Skarabäen und vieles andere. Der Tell ist sehr ausgedehnt und so wird an mehreren Stellen gleichzeitig gegraben. In 'Areal F', in dem wir (Von den Freunden Abrahams nahm das Ehepaar Herbst für zwei Wochen teil an der Grabung) eingesetzt waren, haben auch die Kreuzfahrer Spuren hinterlassen. Auf der Spitze des Hügels hatten sie die Burg 'Blanche Garde' errichtet, von der nur noch ein unansehnlicher Trümmerhaufen übrig ist. In unserem Areal fanden wir Grundmauern eines mächtigen Turms, der in die Schichten der Eisenzeit (also der Philisterstadt) hineingebaut war. Davor gruben wir mehrere Gräber aus: mit manchmal einfachen, manchmal behauenen Steinen eingefasste Erdbestattungen. In einem Fall war eine ganze kleine Familie begraben: Vater, Mutter und Kind, wobei das Kind auf der Brust der Mutter und die Mutter auf der Brust des Vaters ruhte. Die Frau hatte eine Kette aus einfachen Schmuckperlen um, einen bronzenen Armreif, und einen wunderschönen und noch intakten Parfumflacon aus Glas bei sich. Diese Bestattungen sind eindeutig spät; noch können wir nicht sagen, ob es sich um Kreuzfahrer, oder um spätere arabische Gräber handelt – und mir scheint, man kann darüber, dass man den Unterschied nicht ohne weiteres feststellen kann, ins Nachdenken kommen...
Aus der Zeit der Philister wurde in unserem Areal viel Keramik gefunden, darunter eine vollkommen intakte Öllampe, die auf den Fußboden eines kleinen Raums gefallen war, als die Stadt im späten 8. Jh. von den Assyrern zerstört wurde. Der bedeutendste Fund der Saison aber war eine winzige Tonscherbe: auf ihr sind ein paar Schriftzeichen eingeritzt, in alten kanaanäischen Buchstaben. Sie zu entziffern, wird mir noch einiges Kopfzerbrechen bereiten. Fest steht indes jetzt schon, dass es die älteste Inschrift aus philistischem Kontext ist, die bisher gefunden wurde. Und da überhaupt nur sehr wenige Texte aus dem Kanaan jener Zeit im allgemeinen, und aus Philisterstädten im besonderen, existieren, ist der Fund von enormer Bedeutung.
Krönender Abschluss der Grabungssaison war dann am 7. August, als der israelische Staatspräsident Mosche Katzav den Tell besuchte! Da ein deutsch-israelisches Gemeinschaftsprojekt mit beteiligt war, luden wir auch den deutschen Botschafter, Rudolf Dressler, ein, und auch der kam. Dazu kamen noch eine Reihe weiterer, mehr oder weniger wichtiger Persönlichkeiten, und so wurden eine Menge Hände geschüttelt und viele wichtige Fotos gemacht. Immerhin würdigte der Präsident die Kooperation mit München ausdrücklich, und die deutsche Fahne zusammen mit der israelischen hat vorher wohl auch noch nie in einer Philisterstadt geweht.
Tatsächlich ist das alles ja so selbstverständlich nicht: Dass Deutsche in Israel mitarbeiten können; und dass eine (übrigens betont religiöse!) israelische Universität ausgerechnet eine Philisterstadt ausgräbt. Dazu kommt, dass die heutigen Palästinenser sich selbst gern als Nachkommen der Philister sehen. Und so schließen sich die vielen Kreise, manchmal zum Guten, oft auf unselige Weise, zwischen Sichem und Gat, Katzav und Goliat und Josef, Balata und München. Dass sich die Freunde Abrahams an der Grabung beteiligten, könnte nicht besser im Sinne unseres Vereinszwecks liegen: mit Blick auf den Alten Orient eine bessere Verständigung zwischen den Religionen von heute suchen. Daher werden wir uns definitiv auch nächstes Jahr wieder bei den Grabungen in Gat beteiligen – und selbstverständlich sind Mitglieder wieder herzlich dazu eingeladen.
Vielleicht werden wir die Option zur Teilnahme an der Grabung verbinden mit einer Studienreise nach Israel/Palästina. Ob wir eine solche anbieten wollen und können, hängt auch von der Nachfrage ab. Sofern sich die Sicherheitslage im Land nicht wieder verschlechtern sollte, wäre eine solche Reise ohne weiteres möglich; wie lohnend sie wäre, hat hoffentlich nicht zuletzt dieser Bericht gezeigt, und dass wir hier im Land auch in sonst weniger besuchten Gebieten willkommen wären, kann ich garantieren. Sprechen Sie uns daher an und lassen Sie uns wissen, wie es mit Ihrer Akzeptanz einer solchen Reise im Sommer/Herbst 2006 aussieht.
Mehr erfahren Sie, wenn Dr. Wimmer am 28.11. und am 05.12. ausführlich und mit Bildern über die Grabung und seine Erfahrungen während des Aufenthalts in Israel/Palästina berichten wird.
(aus: Abrahams Post, Infoblatt der Freunde Abrahams e.V., Herbst/Winter 2005/06, S. 16-20)
TERRORISTEN AN DER MACHT - WAS WIRD AUS PALÄSTINA?
Es kam schon unerwartet, nicht wahr? Umfragen bis zum Wahltag hatten doch schlimmstenfalls ein Kopf-an-Kopf-Rennen, bei dennoch sicherem Vorsprung für Fatah, vorausgesagt. Und dann dieser überwältigende Wahltriumph von 'Hamas', der nach einigen Kommentatoren sogar die eigenen Funktionäre überrumpelt habe. Hatten nicht erst ein Jahr zuvor dieselben Palästinenser mit ähnlich beeindruckenden Zahlen den konzilianten Mahmud Abbas zum Nachfolger des sperrigen Arafat als ihren Präsidenten gewählt? Und hatte nicht seitdem Israel mit dem Abzug aus dem Gazastreifen scheinbar manifest in Richtung Aussöhnung gesteuert, wie es Premierminister Scharon auch vor der UNO-Vollversammlung in beredten Worten zum Ausdruck gebracht hat?
Die Wahrheit freilich ist, dass die Präsidentschaftswahlen vor einem Jahr von 'Hamas' boykottiert wurden. Dementsprechend gering war damals die Wahlbeteiligung, und von den abgegebenen Stimmen war der Anteil komplett durchgestrichener oder mit wütenden Kommentaren versehener Stimmzettel umso höher. Rechnet man die 67% der gültigen, abgegebenen Stimmen für Abbas auf alle Wahlberechtigten um, so entfielen auf ihn tatsächlich nur rund 40% - etwa ebensoviel, wie auch diesmal an seine Fatah-Partei ging. Wer die Stimmung in den Palästinensergebieten kennt, die jenseits von wohltuend vernünftigen Stellungnahmen der Intellektuellen in westlichen Medien, und der immer noch beeindruckend hoffnungsvollen Visionen der kleinen christlichen Minderheit in Betlehem und Bet Dschallah, brodelt, konnte die überwältigende Zustimmung, ja Begeisterung, für 'Hamas' auf der Straße und in den Herzen schon lange nicht mehr weginterpretieren. Was mich an dem Wahlergebnis wirklich überrascht hat, ist, dass selbst in Nablus, einer Hochburg des Widerstands, nicht alle 6 Sitze an 'Hamas' gingen, sondern 'nur' 5, und 1 immer noch an Fatah.
Nun sind sie also an die Macht gelangt, demokratisch gewählt. Die ewig Gestrigen, denen sechzig Jahre Realität nichts anhaben können, die alle Gerechtigkeit und Menschlichkeit jenseits ihrer eigenen, granitenen Ideologie komplett auszublenden in der Lage sind, die die immer schrecklichere Anhäufung von Unheil über ihrem eigenen Volk mit großem Erfolg als strahlend helle Zukunftsvision verkaufen. Sie werden von der Bevölkerung nicht dafür verantwortlich gemacht, dass sie die Hoffnungen von Oslo mit erklärter Entschlossenheit erfolgreich zerbombt haben, dass sie es waren, die schon vor zehn Jahren in Israel Netanjahu, und vor fünf Jahren Scharon an die Macht gebombt haben. Dass sie mit ihrem Terror das aus den israelischen Vergeltungsaktionen resultierende, unsägliche Leid der eigenen Bevölkerung mitverschulden, und die Unerträglichkeit ihrer alltäglichen Lebensbedingungen.
Freilich darf es dort nicht Terror genannt werden, wenn es Palästinenser - oder überhaupt Muslime - sind, die in Linienbussen, Fußgängerzonen, Cafes, oder auch Synagogen auf der ganzen Welt, gegen die Besatzung Palästinas kämpfen. Denn Terror ist immer das, was die anderen tun; die Amerikaner vor allem und die Zionisten, d. h. die Juden, die schon immer Terroristen waren. So steht es schließlich in den 'Protokollen der Weisen von Zion', auf die sich die Charta der 'Hamas' ausdrücklich beruft (Art. 32), und die in der arabischen Welt zur Allgemeinbildung gehören, während sie von der Islam-feindlichen Zensur des Westens verboten werden ...
Nun heißt das nicht im Umkehrschluss, dass alle Schuld zu Lasten verblendeter Fanatiker unter den Palästinensern ginge. Wer von meiner eigenen Biografie weiß, weiß auch, dass ich nicht dazu neigen kann, die Verbrechen an Palästinensern zu verharmlosen. Der Terror hat Hintergründe, hat Wurzeln in der Nakba, der 'Katastrophe' (wie der Begriff nur unzulänglich übersetzt wird), die seit 1948 das palästinensische Volk zerrüttet, in Jahrzehnte langem Flüchtlingselend, Besatzung, Entrechtung, in alltäglichen Demütigungen und in permanenter Gewalt. Doch die immer öfter zitierte, bequeme Gleichung, die Terroristen der einen wären die Freiheitskämpfer der anderen, führt in die Irre. Es gibt kein Recht auf Terror. Berechtigter Widerstand, oder Freiheitskampf, mag das Motiv bestimmen; die Mittel, mit denen er geführt wird, können friedlich oder gewaltsam sein, und im schlimmsten Fall Terror mit einschließen. 'Hamas' hat alle Mittel für 'heilig' erklärt. 'Hamas' ist ein Akronym, eine Abkürzung, und steht für 'Islamische Widerstandsbewegung', doch für das, was 'Hamas' tut, kann es kein anderes Wort als Terror geben.
'Hamas' ist und bleibt (vorläufig noch?) eine Terrororganisation. 'Hamas' ist aber auch gleichzeitig eine Wohlfahrtsorganisation. Anders als die weitgehend als korrupt und höchst uneffizient empfundene Autonomieregierung, wird 'Hamas' von der Bevölkerung als eine - die einzige! - Organisation wahrgenommen, die sich wirklich um die Menschen bemüht. Anders als die Minister von Fatah, die abgeschirmt in Villen leben und in Limousinen fahren, leben die 'Hamas'-Funktionäre unter und mit den einfachen Menschen und teilen die Nöte und Demütigungen ihres Alltags. Anders als die behördlichen Strukturen, die Bestechungsgelder einfordern, teilt 'Hamas' aus und unterstützt Bedürftige, mit Geld, mit moralischer (eigentlich: ideologischer) Betreuung, mit dem Aufbau eines funktionierenden Sozialwesens. Sicherlich ist es dieses freundliche Gesicht von 'Hamas', auf das die breite Unterstützung in der Bevölkerung in erster Linie gründet. Das Gefühl, dass 'Hamas' auch an der Front 'etwas tut', den Flugzeugen und Panzern des israelischen Goliat die Steinwürfe des eigenen Widerstands entgegenschleudert, kommt dazu.
Den Menschen macht das Wahlergebnis Hoffnung, dass nun die Regierungsstrukturen von ehrlichen und wirklich engagierten Kräften übernommen und umgekrempelt werden. Dass also nun keine weitere Verschlimmerung der Lage zu erwarten sei, sondern im Gegenteil: in erster Linie eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen. Dafür haben sie mit überwältigender Mehrheit gestimmt, nicht dafür, vom Westen nun zur Strafe auch noch boykottiert zu werden. Eigentlich haben die Palästinenser etwas für uns ganz Selbstverständliches getan: sie haben eine Regierung, mit der sie auf der ganzen Linie unzufrieden waren, abgewählt. Eigentlich sollte man ihnen dazu gratulieren! Tatsächlich werden sie dafür in der gesamten arabischen Welt beneidet. Es gibt kein einziges arabisches Land, in dem man nicht genau davon träumte, die eigene Regierung einfach abzuwählen. In Libanon und neuerdings Irak sind Wahlen theoretisch frei, doch bestimmt weitgehend ethnisches und konfessionelles Gruppendenken die Ergebnisse; in Ägypten wären die 'Hamas'-verwandten Muslimbrüder wohl schon längst an der Regierung, wenn die dortigen Wahlen frei wären. Ausgerechnet für die Palästinenser, die sonst immer nur Mitleid ernten und als die bedauernswertesten aller Araber gelten, ist dieser Wunschtraum von demokratischer Selbstbestimmung nun wahr geworden!
Damit ist das Bild des Nahostkonflikts stimmiger, die Situation ehrlicher geworden. Die palästinensische Seite - Präsident Abbas einmal an den Rand gedacht - stellt sich nun auch nach außen so dar, wie sie selbst gesehen werden möchte. Und längerfristig kann es nur gesund sein, dass die bei uns so gern gepflegte und gehegte Illusion zerplatzt ist, wonach sich Menschen quasi automatisch immer nur nach Ausgleich und Versöhnung sehnten und Konflikte nur von bösen Führern geschürt würden.
Es mag zunächst absurd klingen, doch wenn die Gewählten das Wahlergebnis in dem oben geschilderten Sinn verstehen, dann besteht Hoffnung! Hoffnung erstens darauf, dass die Palästinenser endlich wirklich Erleichterungen erleben werden. Hoffnung aber auch darauf, dass dahinter der Kampf gegen Israel zurücktreten wird. Nichts wäre leichter für jede israelische Regierung, als fortgesetzten Terror mit der totalen Blockade und ggf. auch Zerstörung aller palästinensischen Regierungsstrukturen zu beantworten, und 'Hamas' damit jede Möglichkeit zu nehmen, dem Vertrauen der Bevölkerung auch gerecht zu werden. Mehr als an spektakulären 'Widerstandsaktionen', muss 'Hamas' nun in erster Linie an einer Beruhigung der Lage interessiert sein, um das bewirken zu können, was die Wähler vor allem erwarten. Vorläufig wird 'Hamas' ihre Ideologie nicht aufgeben und auch nicht ändern, die vorgibt, aus religiöser Verpflichtung gegen jeden nicht-islam(ist)ischen Staat in Palästina, egal wie groß oder klein, wie aggressiv oder kompromissbereit, kämpfen zu müssen bis zum Endsieg. Doch wäre "Hamas" sehr wohl willens, und hat das auch schon ausgesprochen, den Kampf vorübergehend einzufrieren. Es kommt hinzu, dass die Terrororganisation in der neuen Regierungsrolle gezwungen sein wird, sich über das bisherige Brodeln in der eigenen Ideologie hinaus mit Realitäten auseinanderzusetzen. Mit dem 'zionistischen Gebilde' mag man genauso wenig Verhandlungen führen wollen, wie umgekehrt, doch beruht die Arbeit der Autonomiebehörde auf ganz alltäglichem und ständigem Kontakt und Austausch mit israelischen Strukturen. In der neuen Verantwortung könnte ganz allmählich auch Erkenntnis aufflackern, dass der Staat Israel doch nicht wegzubomben sein wird, dass Juden keine modernen Kreuzfahrer sind, die man irgendwann wieder nach Hause schicken kann, sondern dass die sich ihrerseits selbst einmal zu einer Befreiungsbewegung aufgerafft haben, um eben nach Hause zu kommen. Und dass sie, ob man es nun islamisch oder richtig findet oder nicht, nie wieder gehen werden. Eine zugegeben schwache Hoffnung, und doch: war nicht auch Fatah, im Verbund der PLO, einmal eine Terrororganisation, mit einer Charta, die die Zerstörung des Jüdischen Staates verlangte?
(aus: Abrahams Post, Infoblatt der Freunde Abrahams e.V., Sommer 2006, S. 16-19)
BRIEFE AUS ISRAEL
Stefan Jakob Wimmer hat auch dieses Jahr für die Freunde Abrahams an den Ausgrabungen der Philisterstadt Gat auf dem Tell es-Safi in Israel teilgenommen. Die Eskalationen im Gazastreifen waren im Gang, Krieg im Norden und im Libanon kam hinzu. Wir geben hier in gekürzter Fassung seine Berichte wieder, mit denen er Freunde und Bekannte auf dem Laufenden gehalten hat.
Jerusalem, 8.7.2006
Vorigen Sonntag bin ich hier in Jerusalem angekommen. Ich komme unter in einem Gästezimmer des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft, auf dem Ölberg. Eine Institution, die mir sehr gut bekannt ist; während meiner Studienzeit in Jerusalem habe ich hier öfters mitgearbeitet und auch hier gewohnt, wenn der Direktor mal verreist war. Es verbinden sich viele Erinnerungen an diesen Ort. Das ist nun schon fast 20 Jahre her, und seitdem ist viel Wasser den Jordan hinabgeflossen.
Die Stimmung im Land ist nicht anders als immer. Von den Schrecklichkeiten in Gaza erfährt man aus den Medien. Es ist immer wieder die gleiche Erfahrung: nach Allem, was man bei uns in den Nachrichten verfolgt, stellt man sich ein unerträglich gespanntes und gefährliches Land vor - während vor Ort davon nichts wirklich akut zu spüren ist. Ich besuche die Museen, neue Ausgrabungen, meine alte Universität, viele Bekannte, und habe auch schon einen Ausflug nach Ramallah gemacht und dort - völlig problemlos! - am Amtssitz von Präsident Machmud Abbas das Grab von Yassir Arafat besucht.
Es ist eher der Eindruck von Zerrissenheit, den Jerusalem, und das Land insgesamt, immer stärker vermittelt. Ganz massiv optisch manifest durch die Mauer, die auch von hier, vom Institutsgarten aus, in nächster Nähe sichtbar hinten um den Ölberg herum kriecht, wie ein bedrohliches Reptil. Dabei wäre das Panorama sonst großartig: über die Judäische Wüste bis hinunter in den Jordangraben und zum Toten Meer, und an klaren Tagen hinüber nach Jordanien, wo oben auf etwa gleicher Höhe, in Amman, meine Frau Samaher und die Kinder bei den Schwiegereltern untergebracht sind. Nachts kann ich von hier aus die Lichter der Vororte von Amman erkennen. Zum Glück gibt's Telefon und SMS...
Morgen beginnt die Grabung. Ich werde dann im Kibbutz Revadim wohnen, nahe am Tell es-Safi, wo wir graben, etwa 30 km südwestlich von Jerusalem.
Kibbutz Revadim, 12.7.2006
Aus aktuellem Anlass sollte ich mich wieder melden, zumal ich gerade über Satellit die Nachrichten aus Deutschland im TV gesehen habe. Daraus könnte man den Eindruck gewinnen, dass hier alles immer noch bedrohlicher würde.
Daher ausdrücklich nochmal: Wir erleben hier, in dem Teil Israels, in dem wir uns aufhalten, NICHTS von einer Bedrohung. Die meisten Teilnehmer der Grabung wissen gar nichts von der Eskalation an der libanesischen Grenze.
Die Grabung hat am Sonntag begonnen. Die Unterkunft im Kibbutz ist wunderbar, man könnte sich fühlen wie im Urlaub (wenn man nicht jeden Tag um 4.45 Uhr aufstehen müsste...). Und - es ist kaum zu fassen! - heute bereits haben wir wieder eine kleine, beschriftete Scherbe gefunden, so ähnlich wie letztes Jahr (die dann weltweite Schlagzeilen als so genannte 'Goliat-Inschrift' gemacht hat...). Diesmal handelt es sich um eine leider ganz schlecht erhaltene Zeile in Tinte, und zwar in ägyptischer, hieratischer Schrift. Ich sollte also, nach einigem Kopfzerbrechen, in der Lage sein, das Gekritzel zu lesen. Dazu hoffentlich mehr in der nächsten Rundmail!
Kibbutz Revadim, 16.7.2006
Da die Nachrichten immer schlimmer werden, noch einmal ein Wort zur Lage hier. Inzwischen ist es sicher nicht mehr so, dass einige der Volontäre hier gar nichts von den Vorgängen mitkriegen. Die Nachrichten werden intensiv verfolgt. In manchen Medien ist von 'Krieg' die Rede, wobei aber Krieg im Libanon gemeint ist. In Israel herrscht kein Kriegszustand. Angriffe, wie sie jetzt massiv im Norden Israels passieren, kamen ja leider auch früher schon vor, zuletzt sehr heftig vor 10 Jahren. Neu ist, dass auch Haifa und Tiberias beschossen werden. Die Stimmung im Land ist, dass diesmal die Infrastruktur der Hisbollah ein für alle mal zerstört werden soll, damit der Norden Israels nicht immer wieder Bunkernächte erlebt - lieber jetzt aussitzen, und dann langfristig Ruhe. Niemand in Israel scheint einen vorzeitigen Waffenstillstand zu wollen, der doch nur bedeuten würde, dass es früher oder später wieder weiterginge. Ob diese Rechnung aufgehen kann, ist eine andere Frage. Man will offenbar den Libanon zwingen, die Hisbollah zu bändigen; an einer Eskalation darüber hinaus, etwa einer Einbeziehung Syriens, oder gar Irans, ist aber (hoffentlich) niemand ernsthaft interessiert.
Wie auch immer, hier bei uns auf der Grabung und im Kibbutz kann nach wie vor von einer akuten Bedrohung absolut keine Rede sein. Wir liegen hier weit südlich der von den Raketen der Hisbollah gefährdeten Zone im Norden, und gleichzeitig weit genug nördlich des Gazastreifens, um auch gut außer Reichweite des fortgesetzten Beschusses dort zu sein. Sogar noch sicherer ist Jerusalem, denn kein Islamist wird je auf die heilige Stadt des Islam zielen.
Dennoch - die Stimmung ist freilich von all dem heftig betroffen. Die Grabung ist enorm interessant, und wir 'vergraben' uns sozusagen in der Archäologie; ich sitze am Abend vor meinem Zimmer, grüble über unserer Inschrift, bei einem Glas Wein oder Bier (auch als Zeichen des Protests gegen Hisbollah...!), sehe direkt vor mir den Mond zwischen den Bäumen des Kibbutz aufgehen - aber höre, von fern und ganz dumpf, die Explosionen in Gaza, und klebe an den Nachrichten. Schön ist das nicht!
Kibbutz Revadim, 29.7.2006
Schon sind fast zwei Wochen vergangen seit der letzten Rundmail. An der Situation im Land hat sich nichts geändert. Hier fliegen weiterhin Tag und Nacht die Kampfhubschrauber und Düsenjäger, manche in Richtung Süden (Gaza), andere nach Norden (Libanon). Heute hat sich einer der in meinem Areal eingesetzten israelischen Mitarbeiter für das Wochenende verabschiedet; ein sehr netter, junger Kerl, der diese Woche seine Frau und sein kleines Kind zu Besuch hier hatte. Ob er nächste Woche wieder kommen kann, ist nicht sicher, denn er rechnet damit, eingezogen zu werden. Die Stimmung im Land ist nach wie vor so, dass man diesen Krieg zu Ende führen will. Die unschuldigen Opfer im Libanon bedauert man, doch alle Schuld sieht man bei Hisbollah. Und daran ist ja immerhin richtig, dass es diesen Krieg (und manch anderen!) nicht gäbe, wenn die Araber den jüdischen Staat einfach nur in Ruhe ließen! Entsprechend wenig Verständnis hat man für die massive Kritik an Israel aus der ganzen Welt - aus Ländern, deren Existenz niemand in Frage stellt.
Weiterhin gilt auch, dass wir hier in keiner Weise akut von einer Gefährdung betroffen sind. Die Grabung geht am Sonntag in die vierte und letzte Woche. Die Saison heuer ist überaus erfolgreich verlaufen. Es haben sich eine ganze Reihe neuer Erkenntnisse für den Tell es-Safi, und für die Philisterforschung, ergeben. Auch mit der hieratischen Scherbe bin ich zu einer Lesung gekommen, die nur ein Vorschlag bleibt, weil die Inschrift so arg fragmentarisch und schlecht erhalten ist, die aber ganz überraschend interessant ausfällt: demnach ist von einem 'Fürsten von Safi[t]' die Rede, sodass wir den Ortsnamen unseres Tells (die Grabungsstätte heißt arab. Tell es-Safi, hebr. Tel Zafit) gefunden hätten, der - und das ist das Neue daran - bis in die Spätbronzezeit zurückreicht. Auch mehrere ägyptische Skarabäen wurden gefunden; einer davon trägt einen kurzen Vers, der schon vor vielen Jahren für ein identisches Stück von Prof. Görg bearbeitet wurde: 'Mein Herz findet keine Zuflucht, außer bei Gott (=Amun-Re)'. Schon vor über 3000 Jahren haben Menschen das hier so gesehen.
Nächste Woche wird nur noch an den ersten zwei Tagen gegraben; dann wird viel fotografiert, gezeichnet, aufgeräumt, in Magazine verfrachtet und die Areale bis nächstes Jahr hergerichtet. Mir stehen einige Tage intensive Schreibarbeit mit der Dokumentation meines Grabungsareals bevor, bis ich dann zur Familie nach Amman in Jordanien fahren kann, von wo aus wir alle gemeinsam am 9.8. nach Hause fliegen. Mit besonderem Bezug zu dem oben angesprochenen israelischen Kollegen bin ich froh, in ein Land heimkehren zu können, das seine Kriege (hoffentlich!) ein für alle Mal hinter sich hat.
(aus: Abrahams Post, Infoblatt der Freunde Abrahams e.V., Sommerhalbjahr 2006, S. 15-17)
AM GRAB ABRAHAMS
'Das ist die Zahl der Lebensjahre Abrahams: Hundertfünfundsiebzig Jahre wurde er alt, dann verschied er. Er starb in hohem Alter, betagt und lebenssatt, und wurde mit seinen Vorfahren vereint. Seine Söhne Isaak und Ismael begruben ihn in der Höhle Machpela bei Mamre, auf dem Grundstück des Hetiters Efron, des Sohnes Zohars, auf dem Grundstück, das Abraham von den Hetitern gekauft hatte. Dort sind Abraham und seine Frau Sara begraben.' (Gen 25, 7-10)
Die Stadt Hebron hat, wie das Land in dem sie liegt, mehrere Namen. Ihre arabischen Einwohner nennen sie Medinat al-Khalil, 'die Stadt des Freundes', und mit 'Freund' ist Abraham, der Freund Gottes gemeint. Aus dem hebräischen Hevron, von Chaver, 'Freund', lässt sich die gleiche Bedeutung herauslesen. In der Stadt Abrahams also wird die Höhle, in der er mit seiner Frau, und nach ihnen auch die Erzeltern Isaak und Rebekka, Jakob/Israel und Lea, begraben wurden, seit Menschengedenken lokalisiert. Kurz vor Christi Geburt hat Herodes der Große sie mit einem rechteckigen Schrein umbauen lassen, nach dem Vorbild des Jerusalemer Tempelbergs. Steht der Besucher heute vor den gigantischen Steinen der noch intakten Mauern, dann kann er sie von denen der so genannten Klagemauer nicht unterscheiden.
Besucher kommen nach wie vor nach Hebron, doch es sind nicht viele, und je nach Einstellung vertiefen sie sich entweder inbrünstig in den eigenen Traditionsgehalt der auch für die 'Anderen' heiligen Stätte, oder sind ähnlich tief betroffen von dem traurigen Bild, das deren Umgebung heute bietet. Ich selbst fuhr während unserer Grabung am Tell es-Safi (siehe ABSCHIED VON DEN PHILISTERN) an einem Nachmittag nach Hebron/al-Khalil. Vom niederen Hügelland der Schefela geht es die judäischen Berge hinauf, nur eine halbe Stunde Fahrt. Mit dem gelben, israelischen Nummernschild des Mietwagens musste ich erst um die Stadt herumfahren, um von 'hinten', von Osten her über die große jüdische Siedlung Kiryat Arba nach Hebron zu kommen. Denn die Stadt ist heute geteilt: der flächenmäßig größere Teil im Westen steht unter palästinensischer Autonomieverwaltung und ist fast vollständig durch Straßenblockaden der israelischen Armee abgeriegelt. Der östliche Teil der Stadt, in dem sich die arabische Altstadt mit dem Schrein der Patriarchen, aber auch einige wenige Stützpunkte jüdischer Siedler befinden, wird israelisch kontrolliert und verwaltet. Dazwischen verlaufen, mitten durch die Stadt, Absperrungen und Mauern.
Die meisten, arabischen Bewohner von 'H2', so die offizielle Bezeichnung der israelischen Zone, haben ihre Häuser inzwischen verlassen, von wenigen Souvenirhändlern und einigen ausdauernd Standhaften abgesehen, und sind ins palästinensische West-Hebron, H1, umgezogen. Das Stadtzentrum ist zu einer Geisterstadt geworden, in der sich zwischen den Kontrollposten der Armee fast nur noch die wenigen jüdischen Siedler frei bewegen, auf sonst ebenso autofreien wie menschenleeren Straßen, mit geschlossenen Geschäften und verlassenen Häusern. Noch drastischer als jeder andere Ort führt Hebron dem Besucher die bizarre Situation des Landes mit an Surrealismus grenzender Schonungslosigkeit vor Augen.
Und wie eine Burg ragt über der Szenerie das herodianische Mauerrechteck heraus. Für Muslime Haram al-Ibrahimiye, 'der Schrein der Abrahams-Moschee', für Juden ha-Machpela, die biblische Höhle. Auf zwei Mauerecken wurden Minarette hinzugefügt, dazwischen ist der Giebel einer ehemaligen Kirche zu sehen. Das Innere des Komplexes ist heute zweigeteilt, so wie die Stadt, so wie auch das Land. Der Eingang für Juden führt durch eine Sicherheitsschleuse in einen als Synagoge eingerichteten Bereich. Er umgibt zunächst zwei kleine, abgeschlossene und durch Fenstergitter einsehbare Räume, in denen sich die Kenotaphe, große Scheingräber, von Jakob und seiner Frau Lea befinden. Sie sollen die Stellen markieren, an denen darunter, in der seit Langem unzugänglichen Höhle, die Gebeine ruhen. Die Grabmonumente sind mit arabisch bestickten Tüchern umhüllt. Jakob (Ya'qub) ist für Muslime ein hochverehrter, koranischer Prophet, und Lea ist der islamischen Tradition unter demselben Namen bekannt. Genauso sind die Kenotaphe von Abraham selbst und von Sara gestaltet. Sie befinden sich im Zentrum des Mauerrechtecks. Nördlich grenzt ein offener Hof, jetzt mit einer Zeltkonstruktion überdacht und darunter einem großen, prächtigen Toraschrein, an ihre Fenstergitter. Weiter kommt man von hier aus nicht.
Ein separater Eingang führt, über mehrere Kontrollposten, in den südlichen Teil des Komplexes, einen überdachten Moscheeraum. Eine griechisch beschriftete Steintafel in der Wand erinnert noch daran, dass der große Raum einmal Kirche war. Den Namen ABPAAM, in alten griechischen Buchstaben, kann man noch gut entziffern. Neben der prächtigen, mit Mosaiken und Marmor ausgestalteten Gebetsnische steht die hölzerne Freitagskanzel aus dem 12. Jahrhundert, mit Schnitzwerk und Elfenbeineinlagen. Der große Saladin selbst hat sie dem Freund Gottes gewidmet. Mitten in dem weiten und hohen Gebetsraum stehen die beiden Scheingräber von Isaak und Rebekka. Auch sie sind, natürlich, Muslimen heilig, als Stammeltern zahlreicher Propheten, wenn auch der letzte und größte in der Reihe, Muhammad selbst, über die Linie von Isaaks Halbbruder Ismael von Abraham abstammt. Dessen (Ismaels) Grab wird neben dem seiner Mutter Hagar in Mekka verehrt.
Rückwärtig gelangt man von dem Gebetsraum aus an die südlichen Fenstergitter der Kenotaphe von Abraham und Sara. An den nördlichen Fenstern hängen hebräische Schilder: 'Unser Vater Avraham' und 'Unsere Mutter Sara', an den südlichen Fenstern steht arabisch: 'Unser Herr Ibrahim, der Freund (al-Khalil), Frieden über ihn!' und 'Unsere Herrin Sara, Gottes Gnade über sie!'
Wenn Muslime und Juden beim Gebet dort einmal für einen Moment an Abrahams Grabmonument vorbei zu dem jeweils hinteren Gitter blicken, können sie den jeweils 'Anderen' bei Beten sehen. Und könnten sich daran erinnern, dass nach übereinstimmender biblischer und islamischer Überlieferung einst beide Söhne Abrahams gemeinsam ihren Vater hier bestatteten. Und dass Gottes Segen auch 'dem Anderen' gilt:
'Deine Frau Sara wird dir einen Sohn gebären, und du sollst ihn Isaak nennen. Ich werde meinen Bund mit ihm schließen als einen ewigen Bund für seine Nachkommen. Auch was Ismael angeht, erhöre ich dich. Ja, ich segne ihn, ich lasse ihn fruchtbar und sehr zahlreich werden. Zwölf Fürsten wird er zeugen, und ich mache ihn zu einem großen Volk.' (Gen 17, 19-20.)
Eine theologische Würdigung der biblischen Ismaelverheißungen siehe Th. Naumann, in: Blätter Abrahams 2, 2003.
(aus: Abrahams Post, Infoblatt der Freunde Abrahams e.V., Herbst/Winter 2007/08, S. 15-17)
zu Entwicklungen und Veranstaltungen in München:
NYMPHENBURGER GESPRÄCHE: JUDEN UND MUSLIME IN MÜNCHEN< xml:namespace prefix = o ns = "urn:schemas-microsoft-com:office:office" />
Ungewöhnlich war nicht nur der Ort. Für ein Symposium, das in dieser Art noch nie zuvor stattgefunden hatte, kamen die NYMPHENBURGER GESPRÄCHE am 14.4. in die Mitte der Stadt. Der Große Sitzungssaal des Neuen Rathauses (Schauplatz auch der Symposien "Reizthemen interreligiös" 2006 und "Andalusien – Erinnerung an eine Utopie?" 2007) war einschließlich Empore gut gefüllt. Behandelt wurde der "Beitrag der Religionen zur Entwicklung unserer Stadt heute und morgen", näherhin zum einen die Bilanz nach 18 Monaten "Jüdisches Zentrum Jakobsplatz", und die Zukunftsvision eines "Zentrum für Islam in Europa" zum anderen.
Als Hinführung referierte Dr. Andreas Heusler von Stadtarchiv über Standorte früherer Synagogen, und der Autor dieser Zeilen über Moriskentänzer, welsche Hauben, Bavaria und Oktoberfest und deren – für Viele immer noch überraschende – muslimische Bezüge.
Dass als einer der beiden Hauptreferenten Marian Offman vom Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde und deren Vizepräsident gewonnen werden konnte, weiß man umso mehr zu schätzen, als gemeinsamen Veranstaltungen mit Muslimen teilweise noch mit erheblichen Vorbehalten begegnet wird. So mussten sich muslimische TeilnehmerInnen fragen lassen, ob sie denn vorhätten, in Deutschland zu bleiben. Auch die Frage nach der Sicherheit Israels wurde aufgeworfen, wiewohl sie von allen, die die Veranstaltung mittrugen, in keiner Weise zur Disposition gestellt wird. Benjamin Idriz, der auch in München gut bekannte Imam der Islamischen Gemeinde Penzberg, erinnerte daran, dass man von hier aus leider den tragischen Nahostkonflikt nicht lösen könnte, dass man aber auch nicht so lange warten wolle und solle, um in München aufeinander zu zu gehen. Mit seinen Plänen für eine Münchner Institution für europäischen Islam skizzierte er eine Chance, wie die Stadtgesellschaft die Herausforderungen des Zusammenwachsens bewältigen kann. Dass Marian Offman eindrucksvoll schildern konnte, wie es am Jakobplatz gelungen ist, jüdisches Leben in der Mitte der Stadt sichtbar zu machen und zugleich einen Ort der Begegnung und des Austausches zu verwirklichen, ist Grund zu großer Freude, und macht Hoffnung.
(aus: Abrahams Post, Infoblatt der Freunde Abrahams e.V., Herbst/Winter 2008/9, S. 13)
STAATSBESUCH IM GEISTE ABRAHAMS: GROSSMUFTI MUSTAFA CERIC IN MÜNCHEN
'Verfechter eines europäischen Islam' und 'Freund des Dialogs' nannten der MÜNCHNER MERKUR und die SZ den Gast aus Sarajewo, der als geistiges Oberhaupt der bosnischen Muslime in der Tat der prominenteste Repräsentant eines in Europa beheimateten Islam ist. Rupert Neudeck von den Grünhelmen war es, der uns bei seinem Vortrag im Sommer 2006 (siehe Blätter Abrahams 5/2006) auf die 'Deklaration europäischer Muslime' aufmerksam gemacht hat, in der Mustafa Ceric für einen mit den Werten einer zukunftsorientierten, demokratischen und offenen Gesellschaft kompatiblen Islam wirbt. Unterstützt von der Islamischen Gemeinde Penzberg, deren inzwischen ebenfalls prominenter Imam Benjamin Idriz aus Skopje (Makedonien) und seine Frau Nermina aus Mostar (Herzegowina) stammen, nahmen wir es auf uns, dieses bei uns noch zu wenig bekannte Grundsatzdokument ins Deutsche zu übersetzen, und aus Freude darüber nahm der Großmufti unsere Einladung, nach München zu kommen, trotz großer terminlicher Enge an.
Dass das Audimax, der größte Hörsaal der LMU, am Abend des 23. November dann fast überfüllt war, und das Publikum die mit Philosophie und mit Esprit gespickte Rede von Professor Dr. Ceric über 'Islam in Europa - Integration und Identität' mit stehenden Ovationen honorierte, dürfen wir als Sternstunde, nicht nur für die jungen Freunde Abrahams, sondern für die Universität werten, die in ihrer 500-jährigen Geschichte noch nicht viele hochrangige islamische Persönlichkeiten empfangen hat. Dass der Gast, nach der Begrüßung durch den Dekan der Kath.-Theol. Fakultät, Prof. Armin Kreiner, und dem Fototermin im Lichthof, auf seinem Weg ins Audimax am Mahnmal der Weißen Rose innehielt, haben die vielen Hundert Zuhörer nicht mitbekommen. Es hatte seine ganz besondere Qualität, repräsentiert er doch eine Bevölkerung, die erst vor kurzem, unter unser aller Augen, einen Genozid erleben musste.
Kurz vor der Veranstaltung war der Großmufti im Rathaus von Bürgermeister Monatzeder empfangen worden. Dabei waren u. a. auch Imam Idriz, dem Monatzeder Unterstützung für seine Pläne eines demselben Geist verpflichteten 'Zentrum für Islam in Europa - München' zusagte, Rupert Neudeck, der zum Ceric-Besuch eigens nach München gekommen war, und Stefan Wimmer von den Freunden Abrahams. Davor standen ein Besuch der Frauenkirche und ein Empfang bei Regionalbischöfin Breit-Keßler als Vertreterin des evangelisch-lutherischen Landesbischofs Friedrich auf dem Programm. Es wären noch eine Begegnung mit Kardinal Wetter im Erzbischöflichen Palais, ein Besuch der Ohel-Jakob-Synagoge und ein Empfang in der Staatskanzlei dazu gekommen, wenn Ceric seinen Aufenthalt nicht kurzfristig um einen Tag hätte verkürzen müssen.
Um das Versäumte nachzuholen, und bestimmt auch, weil er sich in München wohl gefühlt hat, hat der Großmufti angekündigt, dass er wiederkommen wird. Bei der Mitgliederversammlung im Januar wurde dies schon für März im Rahmen einer Veranstaltung der NYMPHENBURGER GESPRÄCHE angekündigt. Der Termin muss nun noch einmal verschoben werden - wir werden Sie auf dem Laufenden halten.
Inzwischen aber planen wir, den Großmufti in Sarajewo zu besuchen, wo er uns in der Islamischen Fakultät empfangen wird. Die Reise auf der Suche nach dem europäischen Islam sollten Sie sich nicht nur deshalb nicht entgehen lassen!
(aus: Abrahams Post, Infoblatt der Freunde Abrahams e.V., Sommer 2007, S. 12-13)
Zur Veranstaltung am 23.11.2007 ist eine Dokumentation als ABRAHAMS POST - SPEZIAL erhältlich, in der zusätzlich auch die 'Deklaration europäischer Muslime' (hier als pdf englisch / deutsch) von Mustafa Ceric abgedruckt ist.
JAKOBS ZELT AM JAKOBSPLATZ
Dem Geschichts-beladenen und Symbol-geladenen Datum "9. November" ist für die Stadt München eine weitere Qualität von historischer Tragweite hinzugefügt worden. Mit der Grundsteinlegung zum Jüdischen Zentrum Jakobsplatz wurde ein Meilenstein für die Zukunft jüdischen Lebens gesetzt. Von einschlägiger Seite im Vorfeld geschmiedeten Terrorplänen wurden eindrucksvolle Zeichen der Zusammengehörigkeit von Münchnerinnen und Münchnern aller Religionen entgegengehalten. Auch die Freunde Abrahams beteiligten sich mit einer eigenen Solidaritätsadresse an die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, unmittelbar bei Bekanntwerden der Konspiration gegen den Frieden unserer Stadt. Wir wollten mit der sofortigen Reaktion ein Zeichen setzen, und verbanden dies mit einer Geldspende, als kleinen, symbolischen Beitrag zur Entstehung von Münchens neuer Hauptsynagoge. Prof. Görg als 1. Vorsitzender war dann auch unter den Ehrengästen zur Feier der Grundsteinlegung geladen.
Genau zehn Jahre ist es her, dass ich selbst zum ersten Mal von den damals völlig unverhofften Planungen erfuhr, den St. Jakobsplatz, der so lange vernachlässigt mitten in zentralster Lage ein städtebauliches Mauerblümchen-Dasein fristen musste, als Lösung bei der Bauplatzsuche für eine neue Hauptsynagoge ins Gespräch zu bringen. Auf eine entsprechende erste Meldung (in der Landshuter Zeitung vom 29.1.1994) hatte mich Richard Grimm aufmerksam gemacht, der in eigener Initiative damals das Jüdische Museum München betrieb, in einer kleinen Wohnung in der Maximilianstraße. Dass nun – endlich! – die Landeshauptstadt zu ihrer Verantwortung steht und dem Ensemble am Jakobsplatz auch ein Jüdisches Museum hinzufügen wird, wird in erster Linie ihm und seinem ganzen Einsatz über viele Jahre hin zu danken sein. Ich veranstaltete Stadtführungen zur jüdischen Geschichte Münchens und gewann der Idee aus historischem Blickwinkel von Anfang an eine ganz besondere Qualität ab. Wir beide konnten uns damals kaum vorstellen, dass die Meldung im Laufe der Zeit immer realistischere Züge annehmen würde und durch alle Verzögerungen und Widerstände hindurch, dank auch des besonders engagierten Einsatzes von OB Ude, schließlich in den 9. November 2003 münden würde.
Es ist dies in der Tat ein glücklicher Gedanke, wird dadurch doch nicht nur ein historisch bedeutsamer Bereich der Münchner Altstadt wieder aufgewertet, sondern jüdisches Leben tritt nun wieder dort in Erscheinung, wo es hingehört: mitten in der Stadt.
Im frühen 19. Jahrhundert musste Münchens erste Synagoge der Neuzeit noch ganz am damaligen Stadtrand erbaut werden (in der heutigen Westenriederstraße). Sie wurde in den 1880er Jahren ersetzt durch den repräsentativen Neubau nahe dem Lenbachplatz, der in zahlreichen Postkartenansichten ein Ensemble mit den Türmen der Frauenkirche auf der einen Seite, deren Backsteinoptik er bewusst angeglichen war, und dem Künstlerhaus auf der anderen, konstituierte. Seitdem die Nazis ihren Kahlschlag durch Deuschland und darüber hinaus, mit dem Abriss dieser Synagoge im Juni 1938 begonnen, klafft dort eine Lücke im Stadtbild. Die Wiese hinter dem am 9. Nov. 1969 aufgestellten Gedenkstein soll nun allerdings wieder zugebaut werden; mit der Nutzung des Grundstücks kann ein Teil der Kosten für das Jakobsplatz-Projekt abgedeckt werden. Dem Vorschlag, die Synagoge am alten Standort wieder aufzubauen, stand schon lange nicht nur die Tiefgarage von Karstadt im Wege. Die Lücken jener "tausend Jahre" sind nicht wieder auffüllbar, am allerwenigsten in der Geburts- und Hauptstadt jener "Bewegung". Sie (baulich) zu klitten, wäre historisch unaufrichtig und moralisch falsch.
Vorgeschlagen wurde erst vor wenigen Jahren auch die Neue Messestadt in Riem als Standort für eine neue Hauptsynagoge. Dann wäre Münchner Judentum im 21. Jahrhundert wieder da gelandet, wo es vor 200 Jahren schon hinverbannt worden war, in der Peripherie. Den Muslimen Münchens übrigens ist es so ergangen; ihre erste Moschee wurde von der werdenden Olympiastadt Ende der 1960er/Anfang der 70er Jahre ganz an den Stadtrand gepflanzt.
Auch so gesehen ist der Jakobsplatz also ein Neuanfang, ein guter neuer Anfang. Mit dem Namen, den die neue Synagoge tragen soll, Ohel Jakov, "Zelt Jakobs", wird eine Brücke zum neuen Standort, aber gleichzeitig auch zur Geschichte von Juden in München geschlagen. Ohel Jakov hieß eine kleine Synagoge im Lehel, in der Herzog-Rudolf-Straße. Sie bildete, zusammen mit einer angegliederten Schule, das Zentrum der streng orthodoxen Richtung innerhalb der Kultusgemeinde. Die große Hauptsynagoge am Lenbachplatz war, wie die überwiegende Mehrheit der Münchner Juden, liberal ausgerichtet.
Neu anfangen musste jüdisches Leben dann nach der Schoah, mit Hilfe von Überlebenden aus Osteuropa. Auch heute setzt sich die jüdische Gemeinde ganz überwiegend aus Einwanderern und ihren Nachkommen zusammen, und ist daher orthodox geprägt. Heute ist die liberale Strömung im Judentum erst allmählich wieder dabei, in ihrer Heimat Fuß zu fassen und bildet seit ein paar Jahren eine eigene, kleine Gemeinde, die sich Beth Shalom, "Haus des Friedens", nennt. Ihre Mitglieder bezogen, von Medien und Öffentlichkeit kaum beachtet, vor kurzem erstmals wieder eine eigene, kleine Synagoge in München – in derselben Woche, in der der Grundstein für das neue Ohel Jakov gelegt wurde.
Möge auch dies ein Haus des Friedens werden!
(aus: Abrahams Post, Infoblatt der Freunde Abrahams e.V., Sommerhalbjahr 2004, S. 14-16)
SCHUWI NAFSCHÍ: KEHR ZURÜCK MEINE SEELE Zur Aufführung Münchner Synagogenmusik am 7.11.2005 in St. Lukas
In enger zeitlicher Nähe zur Veranstaltung mit den Tanzenden Derwischen (s. o.) war München am 7. November 2005 Schauplatz eines jüdischen Musikereignisses, das die Seele ansprach, sie erhob und zugleich zutiefst erschütterte. 'Vergessene Musik' war der Abend in der evangelischen Lukaskirche an der Isar betitelt. Aufgeführt wurde Synagogenmusik für Kantor, Chor und Orgel. Erst die Bewegung des Liberalen Judentums, im Deutschland des 19. Jahrhunderts, begründete die Tradition instrumentaler Synagogenmusik, die im orthodoxen Gottesdienst seit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels nicht vorgesehen ist. Die Schoah bereitete auch dem ein Ende. Jüdisches Leben in München nach dem 2. Weltkrieg ist überwiegend orthodox geprägt, und erst zaghaft formieren sich neu Strömungen, die an den liberalen Traditionen wieder anknüpfen. Dem Freundeskreis zur Unterstützung des liberalen Judentums in München e. V. 'Chaverim' (d. h. hebr. 'Freunde') war es zu verdanken, dass erstmals hier in München Klänge wieder erklangen, die seit über sechzig Jahren verstummt waren. Die ergreifenden Eröffnungsworte von Rabbiner Dr. Henry Brandt brachten die Tiefe der Dimensionen Musik und Ort zur Sprache: Er selbst hatte diese Klänge noch als Kind erlebt, bei den Gottesdiensten in der Hauptsynagoge hinter dem Oberpollinger, behielt sie ein bewegtes Leben lang im Ohr, und hörte sie nun wieder. In einer Kirche. Die - als hätte es ein Schicksal von langer Hand so inszeniert - von demselben Architekten Albert Schmid erbaut wurde, der auch jene Hauptsynagoge errichtet hatte, in ganz ähnlicher, neuromanischer Backsteingestalt. Zum Teil waren die Gesänge von Emanuel Kirschner komponiert, der 47 Jahre lang als Oberkantor Münchens wirkte. Den Abbruch der Hauptsynagoge im Juni 1938 überlebte er um wenige Monate. Musikdirektor und Organist Heinrich Schalit konnte 1940 in die USA fliehen und trug die heimische Musiktradition dort weiter. Aus New York kamen nun die Kantoren Erik Contzius und Bruce Halev nach München, um die 'vergessene Musik' zurückzubringen. Der Abend wird unvergessen bleiben. Danke, Chaverim!
(aus: Abrahams Post, Infoblatt der Freunde Abrahams e.V., Sommer 2006, S. 11)
EIN VOTUM FÜR DIE SENDLINGER MOSCHEE
Offener Brief an die Bürgerinnen und Bürger des Stadtbezirks München-Sendling die Katholikinnen und Katholiken der Pfarrei St. Korbinian die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion den 'Runden Tisch Muslime in München'
München, 14. Juni 2005
Die muslimischen Gemeinschaften in München machen mit gut 6 % der Bevölkerung die drittgrößte Glaubensgemeinschaft nach ca. 43 % Katholiken und ca. 14 % Protestanten aus. Sie haben – wie andere Religionsgemeinschaften auch – Anspruch auf einen angemessenen Rahmen für eine freie und ungehinderte Religionsausübung. Die seit Jahrzehnten andauernde Situation, wonach fast alle Moscheeräume in umgebauten älteren Gebäuden, häufig in ehemaligen Fabrikräumen, in Hinterhöfen oder gar Kellern untergebracht sind (abgesehen von bisher nur zwei Ausnahmen, zunächst am Stadtrand und seit wenigen Jahren in Pasing) ist in keiner Weise befriedigend: weder für die Betroffenen selbst, noch für ein gedeihliches Zusammenleben in unserer Stadt. Muslime sehen sich beständig mit der berechtigten Erwartung nach Integrationsbereitschaft konfrontiert. Der Bau einer neuen, großzügig konzipierten und als solcher erkennbaren Moschee im Stadtteil Sendling ist gerade auch auf diesem Hintergrund sehr zu begrüßen. Gerade diejenigen, die durchaus mit gewissem Recht Abkapselungs- und Rückzugstendenzen unter muslimischen Gemeinschaften kritisch benennen, haben allen Grund, das Vorhaben am Gotzinger Platz nachdrücklich zu unterstützen.
Der Stadtteil Sendling gehört nicht zum eigentlichen Innenstadtbereich, liegt aber auch deutlich weniger peripher als Pasing oder Freimann. Die Situation gerade am Gotzinger Platz, wo die neue Moschee mit ihren geplanten zwei Minaretten recht genau gegenüber der Kirche St. Korbinian, ebenfalls mit zwei Türmen, entstehen soll, empfinden wir als ausgesprochen glücklich. Ein derartig gelungenes Ensemble aus benachbarten Gotteshäusern verschiedener Religionsgemeinschaf-ten würde jeder Stadt zur Ehre gereichen. Der Gotzinger Platz, bisher eher wenig beachtet und bekannt, wird damit das Münchner Stadtbild insgesamt bereichern und geradezu als Attraktion für den Stadtteil Sendling gewertet werden können. Stimmen, die ein solches Vis-a-vis als 'Provokation' brandmarken wollen, sollte mit allem Nachdruck widersprochen werden. Schließlich darf mit gutem Grund daran erinnert werden, dass am St.-Jakobsplatz eine Synagoge mit jüdischem Gemeindezentrum in sehr zentraler Lage und in unmittelbarer Nachbarschaft einer katholischen Kirche mit Kloster im Entstehen ist, worin wir ebenfalls eine der begrüßenswertesten Bereicherungen Münchens in unserer Zeit sehen.
Gleichzeitig bleibt der Anspruch der Anwohner unangefochten, berechtigte Anfragen zu stellen und als Betroffene ernst genommen zu werden. Deren berechtigten Interessen ist umso besser gedient, je achtsamer sie von den Scheinargumenten solcher getrennt werden, die Minderheiten in unserer Gesellschaft keinen Platz, oder nur den in Hinterhöfen und Kellern, einräumen wollen. Schließlich gehen wir auch von der aufrichtigen Bereitschaft der Musliminnen und Muslime Münchens zu einem gedeihlichen Miteinander aus.
Für Vorstand und Beirat der Gesellschaft FREUNDE ABRAHAMS E.V. Prof. em. DDr. Manfred Görg Stefan J. Wimmer Ph.D. (Hebr. Univ. Jerusalem)
GOTT WILL ES NICHT! Zur Mahnwache der Freunde Abrahams für Susanne Osthoff
Das erklärte Anliegen war, ein Zeichen der Betroffenheit zu setzen, in München und für Münchner, über die Tat, über die Verhältnisse im Irak und über den Missbrauch von Religion. Eine Archäologin war entführt worden, die hier aus unserer unmittelbaren Umgebung stammt, und deren Arbeitsbereich sich schneidet mit dem altorientalischen Interessensgebiet der Freunde Abrahams. Eine zweifellos ungewöhnliche und jedenfalls bemerkenswert mutige Frau, die für ihren humanitären Einsatz im Irak im Kriegsjahr 2003 den Tassilo-Preis der Süddeutschen Zeitung erhalten hatte. Doch ging es nicht darum, das Verhalten von Susanne Osthoff zu be- (geschweige denn: zu ver-) urteilen, und es wird dies auch im Nachhinein nie unser Anliegen sein.
Die Mahnwache, die die Freunde Abrahams am 4. Dezember in der Fußgängerzone organisierten, und am 11. Dezember wiederholten, war ein schöner Erfolg - unabhängig von der Freilassung, auf die wir nie einen Einfluss haben konnten. Denn es war uns wichtig, gemeinsam mit muslimischen Mitgliedern und Gästen öffentlich Stellung zu nehmen und wahrgenommen zu werden. Deshalb sind wir dankbar, dass sich unsere Freunde vom Interkulturellen Dialogzentrum (IDIZEM), aber auch der Muslimrat München, der zahlreiche Gruppierungen vertritt, der Mahnwache angeschlossen haben, und Muslime und Musliminnen, mit und ohne Kopftuch, in großer Zahl mit uns gemeisam demonstrierten. Der Muslimrat hatte selbst zu Gebeten aufgerufen, mit einer Formulierung, die hier noch einmal festgehalten werden soll: 'Der Muslimrat München hat seine Mitgliedergemeinden aufgerufen beim Freitagsgebet für Susanne Osthoff und Ihre Familie zu beten. Die Bittgebete von jedem Gläubigen, gleich welcher Religion, sind jetzt für die Entführten und Ihre Angehörigen wichtig. Vergeltsgott!' Es wurden Plakate getragen mit Parolen, teilweise in Arabisch, wie z. B. 'Gemeinsam gegen Terror, für die Freilassung von Susanne Osthoff und ihrem Fahrer', 'Die schlimmsten Feinde der Muslime sind die Terroristen, die sich Muslime nennen', 'Gott will es nicht!' (eine bewusste Anspielung auf die gegenteilige Aussage der Kreuzzüge), oder dem Koranzitat 'Wenn einer einen Menschen unrecht tötet, so ist es, als hätte er die ganze Menschheit getötet.'
Noch am selben Abend berichteten mehrere Fernsehsender über die Mahnwache und am nächsten Tag erschien ein repräsentatives Foto in der Süddeutschen Zeitung auf Seite 2. Und noch zwei Wochen später kommentierte die SZ: 'Muslime trotzen dem Terror', und berief sich darauf, dass im Fall Osthoff besonders viele Muslime engagiert Zeichen gesetzt hätten, während sich gleichzeitig die Mehrheit der Deutschen eher wenig betroffen zeigte. Der Kommentar schließt mit dem Fazit: 'Das hat - bei allen Problemen, die bleiben - die Muslime und die deutsche Mehrheit einander näher gebracht.' Welch schöner Erfolg!
(aus: Abrahams Post, Infoblatt der Freunde Abrahams e.V., Sommer 2006, S. 12-13)
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