GOLIAT

 

Die Bibel, genauer das 1. Buch Samuel im Alten Testament, schildert uns Goliat als einen Vorkämpfer der Philister aus der Zeit kurz vor 1000 v. Chr., mit außerordentlicher Körpergröße und schwergewichtiger Ausrüstung. Er fordert die Israeliten zu einem Stellvertreter-Zweikampf heraus. Der jugendliche David, physisch wie waffentechnisch scheinbar hoffnungslos unterlegen, stellt sich der Herausforderung und bringt den Kraftprotz mit einer einfachen Steinschleuder zur Strecke. Es wurde bemerkt, dass ein solches Verfahren bei militärischen Auseinandersetzungen an Traditionen aus Homers Erzählungen zum Trojanischen Krieg erinnert, deren historischer Kern vielleicht um 1200 v. Chr. anzusetzen ist. Das Motiv vom unerwartet erfolgreichen Kampf gegen einen vordergründig überlegenen Gegener war im Alten Orient aus der Sinuhe-Geschichte vertraut, dem bekanntesten Literaturwerk des Alten Ägypten, das im 20. Jahrhundert v. Chr. entstand und viele Jahrhunderte lang erzählt und gelesen wurde. Dort kämpft der ägyptische Held gegen einen "Starken" von Palästina und tötet ihn mit einem Pfeilschuss in den Hals. Zweifellos geht es der Heiligen Schrift bei dem Motiv um den Gehalt, dass im Vertrauen auf Gott beherztes Vorgehen in scheinbar aussichtloser Position eine Wende zum Guten bewirken kann. In diesem Sinn greift auch der Koran die Erzählung von Dschalût (Goliat), Dawûd (David) und Talût (Saul) auf, und verzichtet dabei ganz auf jedes historisierende Wo und Wann.

Widersprüchlichkeiten in den biblischen Angaben verweisen darauf, dass hier kein präzises Verlaufsprotokoll geliefert werden soll. So wird Goliats überragende Körpergröße im masoretischen (hebräischen) Text mit umgerechnet ca. 2,90 m angegeben, in der (griechischen) Septuaginta-Fassung dagegen mit realistischeren 1,90 m. Nach 2 Sam 21,19 war es gar nicht David, der Goliat getötet habe, sondern ein Elhanan aus Betlehem. Das 1. Buch der Chronik 20,5 versucht, diese Unstimmigkeit zu bereinigen und schlägt vor, dass es ein Bruder Goliats war, den Elhanan besiegt habe.

Hat Goliat so ausgesehen?  
Die Rüstung dieses mykenischen Soldaten auf einem Krater aus der Zeit
um 1200 v. Chr. wird oft mit der biblischen Schilderung verglichen.

Goliats Name ist offenbar nicht hebräisch, und auch in keiner verwandten semitischen Sprache verständlich. Prof. Görg hat vorgeschlagen, ihn aus dem Ägyptischen abzuleiten, und kann sich dabei auf enge Verflechtungen der Philister mit den Ägyptern ebenso wie auf reichlich ins Bibelhebräische eingeflossenes, ägyptisches Vokabular stützen. Über ägypt. qnjt.j (n>l)hergeleitet, würde der Name übersetzt "der Starke" oder "der Vorkämpfer" bedeuten, und somit genau das ausdrücken, was die Bibel über Goliat sagen möchte. Andere haben schon früh vorgeschlagen, ihn mit dem Namen des bei Herodot erwähnten Alyattes, der um 600 v. Chr. König der Lyder in Kleinasien und Vater des legendären Krösus war, in Verbindung zu bringen (vgl. F. Bork, Archiv für Orientforschung 13, 1939-41) - diese Herleitung ist heute jedoch heftig umstritten.

Im Sommer 2005 fanden wir auf dem Tell es-Safi eine unscheinbare, kleine Tonscherbe, mit eingeritzten Buchstaben. Sie wird nach ihrem archäologischen Fundzusammenhang in die Zeit vom 10. bis ins frühe 9. Jahrhundert v. Chr. datiert. Die Schriftzeichen selbst gleichen Inschriften, die man bisher für älter gehalten hat, deren Datierung derzeit aber neu diskutiert wird. Sie sind unmittelbar als (proto-)kanaanäische Alfabetschrift zu erkennen. Allerdings lassen sie sich in kanaanäischer, oder einer anderen semitischen Sprache, nicht sinnvoll lesen. Sie dokumentieren offenbar die ursprüngliche Sprache der Philister, die diese aus ihrer früheren Heimat mitgebracht haben. Wahrscheinlich besteht die Inschrift aus zwei Namen, die 'lwt/Wlt- (oder: 'lyt/Ylt-) zu transkribieren sind. In semitischen Alfabetschriften werden nur Konsonanten, keine Vokale, geschrieben. Der erste Buchstabe (') steht für alef, und zeigt an, dass das Wort mit einem Vokal beginnt. Wimmer hat herausgefunden, dass sich Namen mit demselben Konsonantenbestand in mykenischen Urkunden nachweisen lassen, die in Pylos auf dem griechischen Festland (Peloponnes) und auf Kreta gefunden wurden. Prof. Maeir hat darauf aufmerksam gemacht, dass beide Namen an Varianten eben jenes oben erwähnten Alyattes erinnern. Wlt (<Wrt) ist als Name eines prominenten Angehörigen der so genannten Seevölker, zu denen die Philister gehörten, auch im ägyptischen Reisebericht des Wenamun belegt, der im 11. Jahrhundert v. Chr. spielt, vielleicht aber erst im 10. Jh. verfasst wurde. Görgs Ansatz könnte erklären, wie der G-Anlaut in die hebräische Schreibung des Namens gelangte, indem man den fremd klingenden Namen bewusst mit einem lautlich ähnlichen, bekannten ägyptischen Wort verbunden und ihm so eine verständliche Bedeutung beigegeben habe. 


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Die Inschrift ist von Aren Maeir, Stefan Jakob Wimmer, Alexander Zukerman und Aaron Demsky gemeinsam bearbeitet und wissenschaftlich publiziert worden:
Maeir/Wimmer/Zukerman/Demsky, A Late Iron Age I/Early Iron Age II Old Canaanite Inscription from Tell es-Safi/Gath, Israel: Palaeography, Dating, and Historical-Cultural Significance, Bulletin of the American Schools of Oriental Research 351, 2008, 39-71.

Bedeutet dieser Befund nun, dass auf der Scherbe vom Tell es-Safi eben jener Goliat dokumentiert ist, von dem die Bibel spricht? Wohl kaum. Falls eine Verwandtschaft der Namen, die sie enthält, mit dem der Personennamen, der im hebräischen Text des AT "Goliat" lautet, tatsächlich gegeben ist, dann würde die Scherbe belegen, dass ein solcher Name in der Zeit und an dem Ort, in der und an dem die Bibel ihren Philisterhelden auftreten lässt, tatsächlich gebräuchlich war. Sie könnte damit also Licht auf das historische Umfeld, auf das "Setting" der Erzählungwerfen. Darüber, ob seinerzeit wirklich ein schwerbewaffneter Riese von einem cleveren Jugendlichen, der später König über Israel werden sollte, im Terebinthental bei Gat mit einer Steinschleuder zur Strecke gebracht wurde, sagt die Inschrift in keinem Fall etwas aus. Was für die eigentliche "Glaub-Würdigkeit", im Wortsinn, der Bibel auch keine Rolle spielen sollte. Auch wenn Viele sich schwer damit tun, von einem vordergründigen Wörtlichnehmen biblischer Texte loszulassen, so verstellt doch eine solche Einstellung geradezu den Blick auf das Wesentliche. Einer Heiligen Schrift geht es nicht um das Protokollieren dessen, was sich wann und wo genau ereignete, sondern um ungleich gehaltvollere Glaubensaussagen. In diesem Sinn ist die Frage, ob die Bibel Recht hat, an Archäologen falsch gestellt.

 

Goliat in der Bibel


Goliat im Koran

 

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