
Zu den Projekten der Landeshauptstadt München aus Anlass des 850. Stadtgeburtstages gehört die GALERIE DER ECHTEN MÜNCHNER, die vom Kulturreferat gemeinsam mit der Initiative kultur_vergnuegen präsentiert wird. Wie im 19. Jahrhundert die "Schönheitengalerie" König Ludwigs I. die Vielfalt der "Schönheiten" der Stadt zeigen wollte, präsentiert die "Galerie der echten Münchner" die Vielfalt der hier lebenden Menschen und ihrer Lebenszusammenhänge, gibt ihnen Gesichter und erzählt ihre Geschichten.
37 Münchnerinnen und Münchner haben erzählt: von ihrem Lebensweg, der sie in die Stadt geführt hat und was für sie das Besondere ist an diesem Ort, von dem die meisten nicht mehr fortzeiehen möchten. Sie sind alle heimisch geworden in München, auch wenn der Brückenschlag zwischen den Kulturen mitunter ein lebenslanger Balanceakt bleibt.
Einer von ihnen ist Stefan Jakob Wimmer. Sein Proträt wurde gemalt von Stefanie Brand und erzählt von dem Journalisten Jan Biener:

Stefan Jakob Wimmer München, Jerusalem, Nablus – und wieder zurück
Früher suchte der Ur-Münchner den größtmöglichen Unterschied zu seiner Geburtsstadt, studierte das alte Ägypten, zog weiter ins Gelobte Land – und kehrte Jahre später mit viel mehr als nur ein wenig Orient zurück in seine Heimat.
Dr. Stefan Jakob Wimmer entschuldigt sich. Es täte ihm wirklich sehr leid, aber den Kaffee könne er leider nicht original zubereiten. Ihm ist das unangenehm – wahrscheinlich gibt es nur wenige gebürtige Münchner neben dem 45-Jährigen, die so viel Erfahrung haben, einen arabischen Kaffe auf die so typische Weise aufzukochen bis das Aroma perfekt ist. "Aber dazu bräuchte ich eine offene Flamme." Die ist an seinem Arbeitsplatz nicht erlaubt. Hier im Nordflügel des LMU-Hauptgebäudes am Geschwister Scholl-Platz. Vierter Stock. Katholisch-Theologische Fakultät, Lehrstuhl für Alttestamentliche Theologie. Dabei hat Wimmer nie Theologie studiert – es ist typisch für den hoch gewachsenen, schmalen Mann mit den markanten Gesichtszügen. Konventionen? Nein, das ist nichts für ihn. Nicht um zu provozieren. Es ist nur so: Er hat es mit Neugier, Offenheit und ganz viel Toleranz auch so sehr weit gebracht.
Wimmer gießt den Kaffee auf. Es riecht nach Kardamom in dem kleinen Büro. An den Wänden hängen Fotos voller Gelb und Blau. Leuchtender Sand und wolkenloser Himmel. Wimmer bei Reisen im Orient, irgendwo zwischen Kairo und Jerusalem. Bei Ausgrabungen in der Wüste, bei einem Forschungsprojekt im israelischen Hinterland. Der Nahe Osten ist längst zu seiner zweiten Heimat geworden.
Die Internationalität ist Stefan Jakob Wimmer nicht in die Wiege gelegt worden (heute spricht er 13 Sprachen von Aramäisch über Altägyptisch bis Esperanto. "Ich bin in Mittersendling und in Untermenzing aufgewachsen", sagt er. Urlaub machte die Familie höchstens in Österreich und am Gardasee. Als Schulkind brachte er sich selber Hieroglyphen bei. Ägypten war die Traumwelt seiner Kindheit, zusammengesetzt aus den Bildern von Comics, Abenteuerromanen und Geschichtsbüchern. Er lag seinem Vater so lange mit dem Wunsch in den Ohren, endlich zu den Pyramiden zu dürfen, bis der irgendwann einlenkte. Das war nicht selbstverständlich. "Mein Vater war in Krieg und Nachkriegszeit aufgewachsen und fernen Ländern gegenüber eher skeptisch. Von sich aus wäre er nie nach Ägypten gefahren. Aber er hatte bei einem Preisausschreiben Reisegutscheine gewonnen. Die durften natürlich nicht verfallen." So kam es, dass der 15-jährige in das Land seiner Träume reiste. Es war das Jahr 1978. Ein Jahr zuvor war Sadat erstmals in Jerusalem gewesen, das Friedensabkommen zwischen Israel und Ägypten sollte bald folgen. Und Stefan Jakob Wimmer gelangte zu seiner ganz persönlichen Erkenntnis: "Nach der Reise war klar: Ich werde Ägyptologe."
Es war die erste von drei Reisen, die einen entscheidenden Einfluss auf sein Leben haben sollten. Die zweite war einige Jahre später in der 12. Klasse. Damals gab es ein Austauschprogramm zwischen Schülern aus München und Jerusalem. Wimmer wusste nicht genau, was ihn erwartete. "Um ehrlich zu sein, dachte ich: Israel ist zwar nicht Ägypten, aber alte Steine und Archäologie wird es dort auch geben." Nach drei Wochen hatte er schon wieder eine Erkenntnis gewonnen: "In Jerusalem will ich irgendwann einmal länger leben." Seine zwei besten Freunde von damals kennt er bis heute – Moshe, ein jüdischer Israeli, und Fahid, ein israelischer Araber.
Trotzdem machte er erst einmal eine Banklehre in Dachau. Um etwas Solides zu haben, aber auch um die Eltern nicht völlig vor den Kopf zu stoßen. "Als ich fertig war, ließ ich mich von meinen Freunden sofort an der Hebräischen Universität in Jerusalem einschreiben." Er muss selber ein wenig lachen als er an die Zeit zurückdenkt. An diese Phase mit Anfang 20, in der man einfach auf seinen Bauch hört – und die Entscheidungen auf einmal Tragweite für ein ganzes Leben bekommen. "Als ich München verließ, sagte mein Vater noch zu meiner Mutter: Keine Angst, in spätestens vier Wochen ist der wieder da." Wimmer selber hatte sich als Ziel gesetzt, mindestens ein Jahr in Jerusalem zu bleiben. Es wurden sieben Jahre daraus. "Meine ganz persönlichen sieben fetten Jahre", wie Wimmer heute sagt. "Na ja, eigentlich waren es fast acht." Von 1984 bis 1992. Auch 1987, als die erste Intifada ausbrach. Unsicher fühlte er sich in Israel oder Palästina nie. "Ich war im meinem ganzen Leben nur einmal in unmittelbarer Nähe eines Terroranschlags. Da stand ich in der Trambahn an der Theresienwiese, als die Bombe auf dem Oktoberfest hochging."
Irgendwann siegte doch die Liebe zu München. Er fuhr wieder zurück. Über Land im VW-Bus. Über Ägypten, Jordanien, Syrien, die Türkei, Bulgarien, Rumänien, Ungarn, Österreich. Die Fahrt dauerte drei Wochen. In Syrien campierte er aus Versehen in einem militärischen Sperrgebiet. Der Militärchef ließ ihn erst festnehmen, dann tranken sie Tee miteinander, dann wurde er freundlich verabschiedet. Das Ankommen sei wunderbar gewesen, sagt Wimmer. Aber auch seltsam. Deutschland war inzwischen wiedervereinigt. "München war früher die Stadt, in der ich aufgewachsen war, die mir vertraut war. Jetzt war es die Stadt, in die ich zurückkam, die ich mit anderen Augen neu entdeckte."
Er reiste immer wieder zurück in den Nahen Osten. Nach Israel, aber auch in die arabischen Nachbarstaaten. Er hat zwei Pässe, weil es immer noch Länder gibt, in denen ein israelischer Stempel im Pass eine Einreise unmöglich macht. Genauso wie ein syrischer Stempel Komplikationen am Zoll von Israel bedeuten kann. Beide Pässe von Stefan Jakob Wimmer quillen über vor Visa. Irgendwo muss auch noch der Stempel von der dritten Reise in die Region sein, die sein Leben veränderte. Die Reise, auf der er seine heutige Frau Samaher Dewikat kennen lernte. Im Westjordanland, im Dorf Balata in der Nähe von Nablus, in dem auch schon Jesus war. "Damals sagten die Menschen zu Jesus: Gehe nicht in den Ort, dort wohnen Feinde!" Er ging trotzdem und traf am Dorfbrunnen eine Frau. Wimmer ging auch, obwohl es schon damals, Mitte der Neunziger nicht mehr so leicht war, von Israel in die Palästinensergebiete zu kommen. Er lernte die Familie kennen – über das Interesse an der Archäologie. Als sie heirateten, führte die Hochzeitsreise nach München. Da blieben sie. Heute haben sie drei Kinder zwischen zwei und sieben Jahren: Josef, Adam, Sofia heißen sie auf Deutsch, bzw. Jûsif, Âdam, Safija auf Arabisch. Es hängen Bilder von ihnen über Wimmers Schreibtisch. Sie tragen Lederhosen.
Seine halbe Stelle an der katholischen Fakultät läuft gerade aus – die Mittel werden gekappt, obwohl Wimmer bei seiner letzten Ausgrabung, in einer Philisterstadt, ein gewaltiges Medienecho ausgelöst hat. Vorläufig bleibt dem Wissenschaftler, der auf internationalen Fachkongressen über 3000 Jahre alte Inschriften referiert, die halbe Stelle in der Ägyptologie. Wimmer wird also neben seiner bevorstehenden Habilitation wieder vermehrt als Reiseführer im Nahen Osten arbeiten. Er macht das nebenbei schon, für "Biblische Reisen". In München macht er für Stattreisen schon seit Jahren Rundgänge über die jüdische Geschichte der Stadt – und inzwischen auch über Muslime in München. Er schreibt auch wieder ein Buch – über Frauengestalten im Koran. Sein letztes Buch hieß "Von Adam bis Muhammad. Bibel und Koran im Vergleich". Überflüssig zu betonen, dass es nach dem Verbindenen der heiligen Bücher sucht, nicht nach dem Trennenden. Und dann wird Stefan Jakob Wimmer auch die Arbeit mit den "Freunden Abrahams e.V." fortsetzen. Der Verein setzt da an, wo auch Wimmers persönliches Religionsverständnis verankert ist. Vor der Abgrenzung der drei großen Religionen. "Islam, Judentum und Christentum setzen doch am gleichen Ursprung an", sagt Wimmer. "Glaube ist eine Sprache – ob ich mich auf Christlich, Jüdisch oder Muslimisch an Gott wende, macht für Ihn bestimmt keinen Unterschied."
230 Mitglieder hat der Verein schon, die meisten in München, aber auch einige in der ganzen Welt. Bis nach Nigeria. Man trifft sich regelmäßig, organisiert Veranstaltungen. Rupert Neudeck war schon da. Als der Großmufti von Sarajewo kam, war das große Audimax der LMU bis zum letzten der 700 Plätze besetzt. "Der Auslöser für die Gründung des Vereins war tatsächlich der 11. September. Als toleranter Mensch fühlt man sich in den letzten Jahren in die Defensive gedrängt." Sagt er – der bayrische Ägyptologe im katholischen Seminar, verheiratet mit einer Palästinenserin, ausgebildet an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Stefan Jakob Wimmers Leben ist voller Respekt für das Andere – und voller Wertschätzung für das Eigene. Vom Viktualienmarkt im Tal bis zu den Souqs zwischen Jerusalem und Nablus.
Die "Galerie der echten Münchner" wird am 5.7.2008 im Alten Rathaus eröffnet und ist ab Oktober 2008 im Kulturhaus Milbertshofen ausgestellt.
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